**„Fahr morgen nicht zu deiner Schwiegermutter ins Dorf“, sagte die alte Frau.**

Die diensthabende Krankenschwester nickte, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden, in Richtung Flur.

„Sokolow?“

„Zweiter Untersuchungsraum.“

„Er wartet auf den Arzt.“

Oksana stieß die wackelige weiße Tür auf.

Denis saß auf der Liege.

Sein rechter Arm war mit einer elastischen Binde fest an den Oberkörper gebunden.

Am Wangenknochen hatte er eine Schürfwunde, das T-Shirt auf der Brust war zerrissen.

Er sah eingefallen und verloren aus.

Als er seine Frau sah, wich er ihrem Blick nicht aus.

Er atmete einfach aus, und seine Schultern sanken herab.

„Na, da bin ich wohl angekommen.“

Oksana trat ganz nah an ihn heran und berührte vorsichtig seine gesunde Schulter.

„Wie ist das passiert?“

„Die Reifen“, sagte Denis und rieb sich mit der gesunden Hand die Stirn.

„Es fing an, Schnee mit Regen zu geben, der Asphalt war glatt wie Seife.“

„In der Kurve bei der Sägemühle wurde das Auto einfach zur Seite geschleudert.“

„Die Bremsen haben versagt.“

„Wir sind mit einer alten Betonhaltestelle zusammengestoßen.“

Er schwieg.

Dann hob er den Blick zu ihr.

„Oksan … die Hauptwucht traf genau die rechte Seite.“

„Dorthin, wo der Beifahrersitz ist.“

Sie hörte auf zu atmen.

„Der Ermittler hat gesagt“, wurde Denis’ Stimme ganz leise.

„Er hat gesagt, wenn dort jemand gesessen hätte … ich will mir gar nicht vorstellen, wie es geendet hätte.“

„Die Tür wurde fast bis zum Getriebe in den Innenraum gedrückt.“

„Gut, dass du nicht mitgefahren bist.“

Oksanas Beine gaben nach, und sie setzte sich auf den harten Stuhl neben der Liege.

Ihre Nase begann zu kribbeln.

„Das ist morgen nicht dein Weg.“

Die Worte der alten Frau erklangen in ihrem Kopf so deutlich, als stünde Antonina direkt hier, in diesem nach Medikamenten riechenden Zimmer.

Zwei Wochen später, als Denis schon zu Hause weiter behandelt wurde, fuhr Oksana absichtlich zu genau jener Haltestelle im Industriegebiet.

Sie ging zu Fuß bis zur Bauarbeiterstraße, bog in die vertraute Gasse ein und blieb stehen.

Das Tor aus Wellblech gab es nicht mehr.

Dort stand ein schiefer Holzzaun, überwuchert mit trockenem Klettenunkraut.

Hinter dem Zaun stand ein halb verrottetes Blockhaus mit kreuzweise vernagelten Fenstern.

Das Gartentor war mit dickem rostigem Draht umwickelt.

Aus dem gegenüberliegenden Hof kam ein älterer Mann in einer wattierten Jacke heraus, der mit einer Schaufel Schnee zusammenschob.

„Entschuldigen Sie!“, rief Oksana ihm zu.

„Können Sie mir sagen, ob hier eine Frau namens Antonina gewohnt hat?“

„So eine kleine Frau.“

„Wohin ist sie gezogen?“

Der Mann stützte sich auf den Schaufelstiel und schob seine Mütze in den Nacken.

„Tante Tonja?“

„Aber was redest du da, mein Kind.“

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