Sie war frei.
Endlich frei.
Gegen neun klingelte das Telefon.
Igor.
Sweta drückte den Anruf weg.
Eine Minute später wieder.
Und wieder.
Sie stellte das Telefon stumm und legte es auf die Fensterbank.
Soll er doch anrufen.
Sie war nicht länger verpflichtet zu antworten.
Um zehn Uhr abends kam eine Nachricht von ihrer Mutter:
„Sweta, was ist passiert?
Igor hat angerufen und geschrien, dass du weg bist.
Wo bist du?“
Sweta antwortete:
„Mir geht es gut.
Ich erkläre es später.
Mach dir keine Sorgen.“
Dann schrieb sie Igor.
Eine einzige Nachricht:
„Schreib nicht und ruf nicht an.
Die Scheidungspapiere schicke ich in einer Woche.
Lebe wohl.“
Sie blockierte seine Nummer.
Sie blockierte Nina Wassiljewna.
Sie blockierte Lidija.
Alle Kontakte, die sie mit ihrem früheren Leben verbanden, waren gelöscht.
Die Nacht verbrachte sie auf dem Boden, eingewickelt in eine Decke, die sie im Schrank gefunden hatte.
Sie konnte nicht schlafen — das Adrenalin rauschte noch immer in ihrem Blut.
In ihrem Kopf liefen verschiedene Szenarien ab:
Igor würde sie finden, hier eindringen und einen Skandal machen.
Oder Nina Wassiljewna würde mit Lidija kommen, an die Tür hämmern und Erklärungen verlangen.
Aber der Morgen kam still.
Draußen rauschten Autos, unten auf dem Parkplatz stritt jemand, aus der Nachbarwohnung spielte Musik.
Ein gewöhnliches Leben, in dem Sweta einfach eine von vielen war.
Nicht Igors Ehefrau, nicht Nina Wassiljewnas Schwiegertochter.
Einfach Sweta.
Sie stand auf, wusch sich mit kaltem Wasser aus dem Hahn — warmes Wasser gab es noch nicht.
Sie zog sich an und ging hinaus auf die Straße.
Der nächste Laden war nur fünf Minuten zu Fuß entfernt.
Sweta kaufte Brot, Käse, Milch, Tee.
Das Allereinfachste.
An der Kasse scannte die Verkäuferin die Waren gleichgültig, ohne sie auch nur anzusehen.
Sweta lächelte.
Anonymität war ein Geschenk.
Als sie in die Wohnung zurückkehrte, kochte sie Tee und setzte sich ans Fenster.
Unten spielten Kinder, eine Frau führte ihren Hund aus, ein Mann rauchte auf der Bank.
Ein gewöhnlicher Hof, gewöhnliche Menschen.
Sweta holte das Telefon hervor und entsperrte den Bildschirm.
Ein paar verpasste Anrufe von der Mutter, aber von Igor — Stille.
Offenbar hatte er verstanden, dass es ihr ernst war.
Eine Stunde später rief die Mutter an.
„Sweta, erklär mir, was los ist!
Igor war hier und hat verlangt, dass ich ihm sage, wo du bist!“
„Ich bin von ihm weggegangen, Mama.“
„Wie weggegangen?
Wohin?
Warum?“
„Das ist lang zu erklären.
Ich bin in Sicherheit.
Ich werde dir die Adresse nicht geben, verzeih.“
„Sweta, er ist doch dein Mann!“
„Er war mein Mann.
Ich will nicht mehr mit ihm leben.“
„Aber warum?
Was ist passiert?“
Sweta schloss die Augen.
Wie sollte sie es ihrer Mutter erklären?
Wie sollte sie von der Kontrolle erzählen, von den Demütigungen, davon, dass sie drei Jahre lang nicht ihr eigenes Leben gelebt hatte?
„Mama, glaub mir.
So ist es besser.
Ich rufe später an.“
Sie legte auf und schaltete das Telefon aus.
Sie brauchte Stille.
Zeit, um wieder zu Atem zu kommen.
Die nächsten drei Tage verbrachte Sweta in der Wohnung und ging kaum hinaus.
Sie räumte ihre Sachen aus, wischte die Böden, wusch die Gardinen.
Sie machte sich den Raum zu eigen.
Sie verwandelte eine fremde Wohnung in ihr Zuhause.
Am Abend des vierten Tages schaltete sie das Telefon wieder ein.
Es waren Dutzende Nachrichten da.
Von Igor, von der Schwiegermutter, von Lidija.
Sweta las sie nicht.
For complete cooking times, go to the next page or click the Open button (>), and don't forget to SHARE with your Facebook friends.